Adornos und Horkheimers Diskussionen über ein “streng leninistisches Manifest”
noxe:
“Die Frage drängt sich auf, wie Kritik praktisch werden könnte, ohne sogleich in Affirmation des Bestehenden zurückzufallen. Für Adorno ist dieses Praktischwerden nur vermittels einer kritischen Theorie möglich. Den unmittelbaren Bezug zur Praxis sieht er als einen “Sprung in die Praxis”, der “den Gedanken nicht von der Resignation [kuriert], solange er bezahlt wird mit dem geheimen Wissen, daß es so doch nicht gehe” (Adorno 1977a, 796).
In drei Diskussionen, geführt 1939, 1945 und 1956*, besprachen Adorno und Horkheimer je gemeinsam die Möglichkeit, ein wie Adorno es formulierete, “streng leninistisches Manifest” (Horkheimer/Adorno 1996, 66) zu schreiben und zu verbreiten um politisch in die jeweils gegenwärtige Gesellschaft einzugreifen. Adorno und Horkheimer arbeiteten sich in allen drei Gesprächen über die Jahre hinweg regelrecht an der Frage ab, wie in einer historischen Phase noch wirksam zu schreiben sei, in der einerseits die Wirklichkeit nicht länger ideologisch verbrämt, sondern jedem offen zur Schau gestellt ist, andererseits alle Aufrufe nur mehr mit gefälligem Interesse rezipiert werden, so dass jedem Appell von vorneherein der Stachel genommen ist; wie also ein wirksames Manifest in einer Zeit zu schreiben sei, in der, wie Adorno 1959 schreibt, für “das Flugblatt und das Manifest, […] heute die objektiven Voraussetzungen [fehlen]”: “Wer sie mimt, plustert nur als geheimer Machtanbeter die eigene Ohnmacht auf” (Adorno 1974, 348); kurz: ob Kritische Theorie in Zeiten der gesellschaftlich abgeschnittenen Vermittlung zwischen Theorie und Praxis doch praktisch werden könne.
Dieses Manifest ist nie zustande gekommen, und damit ist zugleich die Frage beantwortet: Adorno und Horkheimer sahen keine Vermittlungschancen für politisch wirksame Kritische Theorie, unmittelbares Eingreifen galt Adonro zumal als auf unabsehbare Zukunft vertagt. Wo einerseits der Augenblick die “Verwirklichung der Philosophie”, “in dem wie Adorno vermutete, Befreiung einmal möglich war” (Demirovic 1998, 89), versäumt ist, sich andererseits eine neue Möglichkeit der Verwirklichung aber nicht auch nur von Ferne abzeichnet, ist eine Praxis, die so tut, als ob “die Revolution unmittelbar bevorstünde” nur mehr anachronistisches Überbleibsel aus vermeintlich besseren Tagen, während eine tatsächlich befreiende Praxis “auf unabsehbare Zeit vertagt” (Adorno 1970, 15) ist. Jede Theorie, die solche Praxis stützen soll, muss in “weltanschauliche[s] Abrakadabra” (Adorno 1977, 460) verfallen. “Der Augenblick, an dem die Kritik der Theorie” - zugunsten der Praxis - “hing, läßt nicht theoretisch sich prolongieren” (Adorno 1970, 15).”
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* Die Diskussion von 1939 findet sich in Horkheimer/Adorno 1985, die von 1956 in dies. 1996. Die 1945 geführte Diskussion ist bislang unveröffentlicht.
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Adorno, Theodor W. (1970): Negative Dialektik, in: ders., Gesammelte Schriften (AGS), hg. v. Rolf Tiedemann. Unter Mitwirkung v. Gretel Adorno, Susan Buck-Morss u. Klaus Schultz, Frankfurt/M., 7-412.
Adorno, Theodor W. (1974): Bibliographische Grillen, in: AGS, Bd. 11, 345-357.
Adorno, Theodor W. (1977a): Resignation, in: AGS, Bd. 10.2, 459-473.
Adorno, Theodor W. (1977b): Wozu noch Philosophie?, in: AGS, Bd. 10.2, 459-473.
Demirovic, Alex (1998): Ökonomiekritik und kritische Gesellschaftstheorie, in Zeitschrift für Kritische Theorie, 4. Jg., H. 6, 83-90.
Horkheimer, Max/Theodor W. Adorno (1985): [Diskussionen über Sprache und Erkenntnis, Naturbeherrschung am Menschen, poliitische Aspekte des Marxismus] in: Horkheimer, Max, Gesammelte Schriften (HGS), hg. v. Alfred Schmidt u. Gunzelin Schmid Noerr, Frankfurt/M., Bd. 12, hg. v. Gunzelin Schmidd Noerr, 493-525.
Horkheimer, Max/Theodor W. Adorno (1996): [Diskussionen über Theorie und Praxis], in HGS, Bd. 19, hg. v. Gunzelin Schmid Noerr, 32-72.
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aus: Braunstein, Dirk (2009): Kritik als Praxis in Zeiten deren Unmöglichkeit; in: Dumbadze, Devi; Geffers, Johannes; Haut, Jan; Klöpper, Arne; Lux, Vanessa; Pimminger, Irene (Hg.)(2009): Erkenntnis und Kritik, Zeitgenössische Positionen. Bielefeld, via.